Zeitzeuge

Hans-Jürgen Barth (geb. Hempel)

Dresden, Sachsen
* 1951

Wer sich selbst im Spiegel wiedererkennt, der hat Mut.

Themen
  • politische Haft
  • Alltagserfahrungen
  • Heimerfahrungen
  • Freikauf
  • Staatssicherheit

Biografisches

1951 in Berlin geboren
1951–1970 Unterbringung in verschiedenen Heimen und bei Pflegeeltern in Thüringen und Sachsen-Anhalt
1959–1970 Besuch der Polytechnischen Oberschule, Abschluss zehnte Klasse mit der Note „gut“
1968–1970 Ausbildung zum Chemiefacharbeiter
1970 Eignungsprüfung für die Hochschule
1970–1971 Besuch der Offiziershochschule in Zittau
1970–1976 Mitgliedschaft in der SED
1972–1973 Krempler in einer Baumwollspinnerei in Bernstadt
1973–1974 verantwortlicher Redakteur einer Betriebszeitung in Oberoderwitz
1973–1974 Besuch der Kreisparteischule
1974 Reiseleiterausbildung in Zittau
1974–1975 Kellner bei der Firma MITROPA in Dresden
1976 Stellung eines Ausreiseantrags und in der Folge Verlust des Arbeitsplatzes
1976–1977 verschiedene Tätigkeiten
April 1977 bis Juni 1978 politische Haft im Stasi-Gefängnis Bautzner Straße in Dresden, im Zuchthaus Cottbus und im Stasi-Gefängnis in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) wegen sogenannter „staatsfeindlicher Hetze“
Juni 1978 Freikauf und Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland
1979–1994 selbstständige Tätigkeit als Glasschleifer in Frankfurt am Main
1996–1999 Geschäftsführer bei der Firma Glas + Porzellan in Dresden
1998 Erwerb der Lehrbefähigung für Einzelhandel und Gastronomie
2001–2003 stellvertretender Geschäftsführer bei der Firma Presseservice in Dresden
2004–2007 selbstständige Tätigkeit im Büroservice
2007 Übernahme eines Souvenirladens in Königstein
2009 Übernahme eines Restaurants in Dresden-Neustadt
seit 2017 Rentner

Hans-Jürgen Barth kann als Zeitzeuge in ganz Deutschland angefragt werden.

Kurzbeschreibung

Die Kindheit von Hans-Jürgen Barth, geborener Hempel, war nicht einfach. Seine Mutter lebte in Berlin und zeugte ihn mit einem Bahnbeamten aus Ludwigshafen. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er in verschiedenen Kinderheimen. Warum er sofort ins Heim kam, konnte bis heute nicht geklärt werden, da seine Mutter bei den Behörden und der Staatssicherheit stets als unbekannt oder verstorben aufgeführt wurde. Mit 14 Jahren lernte er durch eine Flaschenpost eine Familie in Coswig kennen, die ihn aufnahm.
1974 wurde Barth als verantwortlicher Redakteur einer Betriebszeitung vom Parteisekretär diskriminiert und zur Aufgabe seiner Stelle gedrängt, weil er sich aufgrund seiner Homosexualität von seiner Frau scheiden ließ. Er ging nach Dresden und wurde mit der Staatssicherheit konfrontiert.
1976 verhörte ihn die Stasi in einer konspirativen Wohnung, weil er angeblich Kontakt zu einer Schleuserorganisation hatte. Als sich das als Fehlinformation herausstellte, sollte er als Inoffizieller Mitarbeiter angeworben werden und über Ausreisewillige berichten. Statt der Anwerbung zuzustimmen, stellte Hans-Jürgen Barth einen Ausreiseantrag (die Stasi selbst hatte ihn auf diese Idee gebracht). Seinen Ausreisewunsch bekräftigte er durch Petitionen und eine Plakataktion am 14. April 1977 auf der Prager Straße in Dresden. Infolgedessen wurde er wegen mehrfacher „staatsfeindlicher Hetze“ verurteilt. 1978 kaufte ihn die Bundesrepublik Deutschland aus der Haft frei.
Er ging nach Frankfurt am Main und arbeitete unter anderem als freiberuflicher Glasschleifer. 1987 durfte er das erste Mal wieder in die DDR einreisen, weitere Besuche folgten. Nach der Wende übernahm er in Dresden einen Porzellanladen von der Treuhandanstalt.
Heute ist Hans-Jürgen Barth mit einem Mann in zweiter Ehe verheiratet und lebt in Dresden.

Podiumsgespräch mit Hans-Jürgen Barth: Aufgewachsen in DDR-Heimen – Betroffene und Experten im Austausch

Wie haben junge Menschen den Alltag in den Einrichtungen erlebt? Was war charakteristisch für das Jugendhilfe- und Heimsystem in der DDR – auch im Unterschied zur Bundesrepublik? Welche Auswirkungen hatte die Unterbringung auf den Lebensweg der Betroffenen? Auf welchem Stand sind Forschung und Aufarbeitung heute? Diese und weitere Fragen wurden im Podiumsgespräch am 20.06.2024 in der Bundesstiftung Aufarbeitung diskutiert.

„Die Akte H.“ – eine Einladung zum Gespräch mit Hans-Jürgen Barth

Hans-Jürgen Barth hat eine Präsentation entwickelt, die seine Erfahrungen als politisch Verfolgter thematisiert und Dokumente aus seiner Stasisakte enthält.
In die interaktive Veranstaltung können sich alle Teilnehmer einbringen.
Nähere Informationen finden Sie hier.
Das Projekt ist Bestandteil des Bildungsangebotes der Gedenkstätte Bautzner Straße in Dresden. Darüber hinaus können Institutionen, auch Schulen, es an jedem Ort buchen, da Hans-Jürgen Barth reisebereit ist.