Themen
- politische Haft
- Jugendkultur
- Staatssicherheit
- Bildung/Erziehung
- Freikauf
Biografisches
1960 geboren in Gera/Thüringen
1967–1977 Besuch der Polytechnischen Oberschule in Gera, mittlere Reife
1977–1979 Ausbildung zum Instandhaltungsmechaniker im Volkseigenen Betrieb (VEB) Straßen-, Brücken- und Tiefbaukombinat Gera
Herbst 1980 zunächst Verweigerung des Wehrdienstes bei der Nationalen Volksarmee, aufgrund der Androhung einer längeren Haftstrafe Antritt des Wehrdienstes
Frühjahr 1982 Rückkehr vom Wehrdienst, Benachteiligung am alten Arbeitsplatz
1982–1984 Zuweisung von Tätigkeiten durch staatliche Stellen, (Aushilfs-)Tätigkeiten in verschiedenen Branchen
Mitte der 1980er-Jahre Bewerbung zum Fachschulstudium als Ingenieurpädagoge für den berufspraktischen Unterricht am Institut zur Ausbildung von Ingenierpädagogen in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) und Ablehnung ohne Begründung
Herbst 1986 Antrag auf Ausreise aus der DDR, keine Bewilligung des Ausreiseantrags
November 1986 Verhaftung durch die Stasi wegen einer politisch motivierten Straftat und in der Folge Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe
Juli 1987 Freikauf aus der Haft und Übersiedelung in die Bundesrepublik Deutschland
1987–1989 Tätigkeit als Instandhaltungsmechaniker in Düsseldorf
1989–2024 Tätigkeit bei einem Energieversorger in Düsseldorf, verschiedene Weiterbildungen (u. a. zum staatlich geprüften Kraftwerker), Wechsel in die Verwaltung des Unternehmens
seit 2024 Ruhestand
Kurzbeschreibung
Ich erlebte zunächst eine unauffällige Kindheit und Schulzeit mit den obligatorischen Mitgliedschaften in staatlich gelenkten Organisationen wie den Jungen Pionieren, Thälmannpionieren, der Freien Deutschen Jugend (FDJ) und Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF).
Im Sommer 1977 wurde ich im Zusammenhang mit der Prüfung in der zehnten Klasse erstmals mit dem System konfrontiert. Aus einer Laune heraus beschloss ich gemeinsam mit sieben weiteren Schülern, bei der schriftlichen Prüfung im Fach Russisch zum obligatorisch zu tragenden blauen FDJ-Hemd eine Krawatte umzubinden. Die Reaktion der Schulleitung auf diese Aktion war heftig – es gab Einzelvernehmungen und die beteiligten Schüler mussten die Prüfung später wiederholen. Die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft war in der DDR Staatsräson und somit wurde unsere Aktion wohl als Angriff auf die Staatsmacht gewertet.
Ab 1977 bis zu meiner Verhaftung war ich Teil der sogenannten Blues-und Kundenszene in der DDR. Wie viele Anhänger dieser Jugendkultur trug ich lange Haare und besuchte Blues- und Rockkonzerte. Die Szene wurde durch die Staatssicherheit der DDR überwacht, und so erfolgte auch eine Bespitzelung meiner Person. In meinem direkten Umfeld gab es bis Mitte der 1980er-Jahre mehrere Verhaftungen und Zwangsausweisungen aus der DDR. Das führte dazu, dass ich mich fortan offen gegen das System stellte. Beispielsweise nutzte ich im Juni 1986 bei der Wahl zur Volkskammer – unüblicherweise – die Wahlkabine und machte den Stimmzettel ungültig.
Im November 1986 habe ich mit meinem Bruder und einem Bekannten eine öffentlichkeitswirksame Aktion umgesetzt. Wir brachten an einem besetzten Wohnhaus in Gera ein weithin sichtbares Bettlaken an. Darauf standen ein großes A (für Ausreise), der Satz „Wir wollen ausreisen“ sowie die Namen von meinem Bruder und mir. Unsere Verhaftung und Verurteilung erfolgte prompt.