Zeitzeuge

Dr. Matthias Wühle

Idstein, Hessen
* 1971

Wer wäre nicht gern ein Revolutionär, wer hätte nicht gern die Mauer zu Fall gebracht, wer lebte nicht gern in der Gewissheit seiner eigenen weltverändernden Zivilcourage. (Evelyn Finger)

  • Zeitzeuge Matthias Wühle im Jahr 1990 in Uniform der Nationalen Volksarmee.
  • Zeitzeuge Matthias Wühle heute.
Themen
  • Mauerfall 9. November 1989
  • Alltagserfahrungen
  • Umbruchserfahrungen seit 1989/90
  • Militär
Sprache
  • Englisch

Biografisches

1971 geboren in Leipzig, verheiratet, zwei Kinder
1977 Umzug nach Ost-Berlin, Einschulung, Jungpionier
1981 Umzug nach Moskau (Eltern waren als Reisekader dorthin delegiert worden) und Besuch der Schule bei der Botschaft der DDR in der UdSSR (heute „Deutsche Schule Moskau“)
1987 nach Abschluss der 10. Klasse Rückkehr nach Berlin
1987–1989 Ausbildung zum Facharbeiter für Eisenbahnbetrieb bei der Deutschen Reichsbahn in Berlin und anschließend Bearbeiter „Innerer Wagendienst“
1989 Antritt des freiwillig-dreijährigen Ehrendienstes bei der Nationalen Volksarmee (NVA) als Unteroffizier auf Zeit und Ausbildungsbeginn im 3. Nachrichtenausbildungsbataillon der Unteroffiziersschule „Max Matern“ in Eggesin
1990 Ernennung zum Unteroffizier, Versetzung zum Funkamt Angermünde und später zum Informationszentrum des Ministeriums für Abrüstung und Verteidigung in Berlin, Entlassung und Rückkehr zur Deutschen Reichsbahn
1991–1994 Berufsfachschulstudium zum Assistenten für Tourismus mit Erwerb der Fachhochschulreife an der Fachschule für Tourismus in Bärenklau, später Wechsel zum Oberstufenzentrum nach Oranienburg
1994–1995 Arbeit in einem Reisebüro in Berlin
1995 Einsicht in die Stasi-Akte der „Abteilung M“ (Kontrolle von Postsendungen), in welcher die Briefwechsel mit einem westdeutschen Studenten und einem Zeugen Jehovas aus Sachsen dokumentiert sind
1996 Nachtportier in einem Londoner Hotel, IELTS-Sprachkurs an der University of Westminster
1997–1998 Sachbearbeiter bei Busreiseveranstaltern in Berlin
1998–1999 Gästebetreuer in einer Lodge in Picton, Neuseeland
2000 Umzug nach Frankfurt am Main, Marketing-Manager bei Turkish Airlines
2000–2005 berufsintegriertes Studium der Betriebswirtschaftslehre in Mainz, Abschluss als Diplom-Betriebswirt
2006–2010 Studium der Mittleren und Neueren Geschichte sowie Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Abschluss in Geschichte als Magister Artium
2012 Pressesprecher bei einem Versicherungsunternehmen
2015 Promotion zum Dr. phil. bei Prof. Dr. Klaus-Jürgen Grün in Moralphilosophie
seit 2016 Berater für Finanzkommunikation bei einer Frankfurter PR-Agentur

Kurzbeschreibung

Matthias Wühle genoss das privilegierte Leben einer Diplomatenfamilie: Beide Eltern waren Mitglied der SED und wurden 1981 an die Handelsvertretung der DDR nach Moskau delegiert. Matthias besuchte dort von der fünften bis zur zehnten Klasse die „Schule bei der Botschaft der DDR in der UdSSR“.
Zurück in Berlin führte er Briefwechsel mit einem westdeutschen Studenten und einem Zeugen Jehovas. Die Staatssicherheit dokumentierte den Austausch, wie Matthias Wühle Mitte der 1990er-Jahre durch die Stasi-Unterlagen-Behörde erfuhr.
Während der Lehre bei der Deutschen Reichsbahn verpflichtete er sich zum freiwillig-dreijährigen „Ehrendienst“ bei der Nationalen Volksarmee (NVA) und wurde im September 1989 einberufen. In Eggesin absolvierte er an der Unteroffiziersschule die Ausbildung zum Funker.
Während eines „verlängerten Kurzurlaubs“ (VKU) besuchte er im Oktober 1989 durch Zufall einen Fürbitt-Gottesdienst in der Berliner Gethsemanekirche für die bei den Unruhen zum 40. Jahrestag der DDR zu Unrecht verhafteten Demonstranten. In der Kaserne erfuhr er im Radio vom Mauerfall. Erst sieben Wochen später fiel auch für ihn die Mauer, er konnte einen weiteren VKU dazu nutzen, die nicht mehr sichtbare Staatsgrenze am Berliner S-Bahnhof Wollankstraße zu überschreiten. Schon Ende 1989 sah er die deutsche Einheit als einzig legitimes politisches Ziel. Während der letzten Tage der NVA diente Matthias Wühle im Bereich militärische Aufklärung und erlebte die Abwicklung seiner Dienststelle nach dem Befehl Nummer 1206/90 von Admiral Theodor Hoffmann. Darin heißt es, die „… illegale Arbeit der militärischen Aufklärung zum 31.03.1990 einzustellen“ – samt damit verbundenem Befehl, alle personengebundenen Dokumente zu vernichten.

Bericht

„Der Musikwunsch. Anruf beim Feindsender“ – Gastkommentar von Matthias Wühle im Tagesspiegel zum 09.11.2009.